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„Wenn sie nicht herausfinden, was ich habe, werde ich sterben“, sagte das zwölfjährige Mädchen zu ihrer Mutter. Kein Arzt wollte sehen, was schwarz auf weiß in den Blutwerten stand. „Abweichungen sind normal. Jeder hat eben andere Normwerte.“
Der Arzt, der das Herz-EKG auswertete, lachte nur über die leichten Schwankungen. „Das ist in jungem Alter normal. Besonders bei Mädchen.“
„Kommen Sie wieder, wenn Sie wirklich etwas haben“, sagte er zu der inzwischen fünfzehnjährigen jungen Frau.
„Sie haben ein Reizdarmsyndrom, nehmen Sie Flohsamen, dann wird das schon“, hieß es ein Jahr später und wieder ignorierte man die deutlich erhöhten Rheumawerte auf dem Papier.
Ich war verzweifelt, hatte Angst, Tag für Tag Schmerzen und Einschränkungen. Ein Stechen in der Seite raubte mir oft den Atem und brachte mich zum Weinen. Mein Herz stolperte und ich fragte mich, wann es wohl stehenbleiben würde.
Bis mit 18 Jahren endlich die Diagnose Lupus kam.
Zuerst war das ein Grund zum Feiern. Da wusste ich noch nicht, wie oft ich dem Tod noch von der Schippe springen würde. Behandlungsfehler, die nur durch das Eingreifen meiner Mutter keine fatalen Folgen hatten. Krankheitsverläufe, die uns zweifeln ließen, wie alt ich wohl werden würde.
Dann wurde ich 20. Ein Alter, das ich nie erwartet hätte.
Und nun ist der Tag gekommen, an dem ich den nächsten Zehner erreiche.
Heute bin ich 30 und blicke auf ein längeres Leben zurück, als es manch Sechzigjähriger hatte. Mit unzähligen Hürden, die ich nicht immer überwinden konnte aber ich habe es immer geschafft, wenigstens darunter hindurchzuschlüpfen.
Seit anderthalb Jahren habe ich zum ersten Mal in meinem Leben dank meines neuen Medikaments eine Lebensqualität, die das Leben endlich lebenswert macht. Seit über einem halben Jahr bin ich in Remission. Es gibt kleine Einschränkungen, manchmal Schübe aber meistens bin ich stabil.
Ich habe es geschafft, mich in einen Job zu kämpfen und ihn sogar Vollzeit auszuüben, dank meiner großartigen Chefin, die mir die nötigen Freiheiten dafür gibt. Ich lebe in meinem Traumhaus, mit einem Traummann und zwei wundervollen Hunden. Ich habe einen Blog mit stetig wachsenden, wundertollen Leser*innen – und so viele weitere Lebensvorhaben, die ich Schritt für Schritt verwirkliche.
Und an meiner Seite: die beste Mama, die man sich nur wünschen kann.
Und so kann ich zu meinem früheren Ich sagen:
„Halte durch, das wird.“
Ich weiß, das Leben wird nie leicht sein. Es wird auch wieder Tiefs geben, in welcher Form auch immer. Aber das ändert nichts an dem, was ich habe: Erfahrung, Erinnerungen, Wissen und Kampfgeist.
Ich denke auch an all jene, die heute nicht mehr an meiner Seite sein können, um diesen Meilenstein mitzuerleben wundervolle Menschen, die mein Leben geprägt und mir gezeigt haben, wie kurz und zerbrechlich selbst das größte Glück sein kann.
Ich danke allen, die meinen Weg geprägt oder auch nur kurz gestreift haben.
Würde ich etwas anders machen? Viel.
Aber macht nicht genau das das Leben aus?
Happy Birthday, kleines Ich.
